Gaby Peters  
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Text zur Arbeit "jester" // Videonale - Interventionen, Kunstmuseum Bonn

Die Situation des Künstlers - Fragiles Gleichgewicht zwischen Flexibilität und Sicherheit

JESTER – wo der Hofnarr früherer Zeiten der einzige war, der die Möglichkeit hatte durch seinen Witz dem Herrscher den Spiegel vorzuhalten, ist es heute der Künstler der Narrenfreiheit genießt. Oder wie Tom Stoppard so treffend formuliert:

„What is an artist? For every thousand people there's nine hundred doing the work, ninety doing well, nine doing good, and one lucky bastard who's the artist.”

Doch auch der Künstler findet sich, als Teil der Gesellschaft, genau wie alle anderen gewissen Zwängen unterworfen. Er soll möglichst flexibel sein, mit wenig auskommen, sich freuen, wenn er ausstellen darf, immer zur Stelle sein, aber bloß nichts fordern. Wahrheiten aussprechen, aber bitte keine unangenehmen, oder wenn, dann so provokant, dass man ihn direkt in die böse-Buben-Ecke stellen kann. Doch auch Künstler funktionieren nur, wenn es das richtige Gleichgewicht zwischen Flexibilität und Sicherheit gibt. Flexibilität ist wichtig, um offen und unvoreingenommen mit neuen Situationen umgehen zu können und schnell zu reagieren. Zuviel davon führt allerdings zu Überforderung und Lähmung. Sicherheit hingegen kann ersticken und zum vollkommenen Stillstand führen. Solange die Balance gestört ist, entweder zugunsten der Sicherheit oder der Flexibilität, also zuviel von einem und zu wenig vom anderen, ist produktives Arbeiten nicht möglich. Das fragile Gleichgewicht aus beidem ist notwendig um funktionieren zu können. Funktionieren, ein wichtiges Wort in unserer Gesellschaft. Denn es ist nicht nur der Künstler der ein gewisses Gleichgewicht zwischen Flexibilität und Sicherheit braucht, sondern jeder Mensch. Jedoch, angesichts des Flexicurity-Trends der Wirtschaft und immer neuer Soft-Laws der Europäischen Kommission und sozialfeindlichen EuGh-Urteilen stellt sich die Frage, in wie weit dem Bedürfnis nach einem Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Flexibilität noch nachgekommen wird oder werden kann. Außerdem die Frage, inwieweit Menschen wirklich produktiv funktionieren können, wenn ihnen die notwendigen Sicherheiten genommen werden.  

Quellen:
Robert, Anne-Cécile. Die Klempner von Europa. Le Monde diplomatique: 03/09.
Sennett, Richard. Der flexible Mensch (The Corrosion of Character), 1998.
Stoppard, Tom und Paul Delayney. Tom Stoppard in Conversation, 1994.